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Abt Notker Wolfs „Worauf warten wir?“

Im Jahre 2006 verglich Abt Notker Wolf in seinem Buch „Worauf warten wir? Ketzerische Gedanken zu Deutschland“ unser Land mit einem „großen Wartesaal“ (S. 42). So empfinde er, wenn er gelegentlich nach Deutschland zurückkehre. Damit meinte er, dass sich in Deutschland einfach nichts tut trotz Arbeitslosigkeit, niedrigem Wirtschaftswachstum, atemberaubender Staatsverschuldung, morschen Sozialsystemen, magerer Reproduktionsrate, offenkundiger Bildungsmisere. Er wundere sich über die Entschlossenheit in Deutschland, sich auf nichts einzulassen, was einer Lösung ähnlich sieht (S. 42).

In manchen Bereichen, so kann man heute sagen, hat sich seit 2006 zwar manches ins Positive verändert, doch gesamt gesehen ist der Großteil der Probleme geblieben und neue nicht bearbeitete sind dazugekommen wie die Migrations- und Integrationsproblematik, der Pflegenotstand, allgemein der Fachkräftemangel, die Schwäche der öffentlichen Verwaltung, die aufkeimende Inflation, die immer unsicherer werdende Energieversorgung, die globale Erwärmung mit ihren Folgen, die Krise der Europäischen Union. Man kann wohl sagen, die „Kultur der Kapitulation“ (S. 50), die Wolf schon vor 15 Jahren konstatierte, hat voll zugeschlagen.

Der „Wartesaal“ Deutschland sei außerdem noch mit „Warntafeln und Verbotsschildern“ bestückt, so Wolf weiter. Diese stehen für die „auswuchernde Bürokratie“, die „grassierende Regelungswut“ und die „galoppierende Gesetzesinflation“ (S. 42f.). Ob er wohl geahnt hat, welch seltsame Blüten das noch treiben würde? Ich denke an so manch merkwürdige Coronaregelung. Oder an den EU-Leitfaden für diskriminierrungsfreie Sprache, der vorschlug aus Rücksicht auf Nichtchristen Worte wie „Weihnachten“ und „Maria“ nicht zu gebrauchen. Die Broschüre gibt für verschiedene Themenfeldern wie Gender, LGBTQI, Ethnischer Hintergrund usw. detaillierte Anweisungen, welche Sätze man vermeiden und stattdessen verwenden sollte. So wird beispielsweise von der Begrüßungsformel „Damen und Herren“ abgeraten. Um Singles nicht zu diskriminieren, sollte man auch nicht von „Familie als Kern der Gesellschaft“ reden.

Eine solch politische Korrektheit hält Notker Wolf nicht für förderlich. Er schreibt: „Ich glaube nicht, dass wir mit der wachsenden kulturellen Vielfalt und unserer Gesellschaft dadurch fertig werden, dass wir das, was uns unterscheidet, möglichst verheimlichen und verschleiern…“
(S. 127). Sie führe zu einem „Klima der Befangenheit“ und laufe darauf hinaus, „an einem Menschen alles zu verschleiern und zu tabuisieren, was ihn an kulturellen Erfahrungen geprägt hat, was ihn als Angehörigen einer bestimmten Gruppe oder Gesellschaft ausmacht, sodass am Ende nur noch der gewissermaßen abstrakte Mensch übrigbleibt, losgelöst von seinem Geschlecht, seiner Herkunft, seiner Kultur“ (S. 131).

Ergebnis der politischen Korrektheit seien „kabarettreife Verballhornungen“ und „verbale Eiertänze“ wie die Bezeichnung „Der Mensch mit Migrationshintergrund“ (S. 131). Probleme im Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Lebens- und Denkgewohnheiten lassen sich seiner Ansicht nach überhaupt nicht damit lösen, „wenn man nur hinter vorgehaltener Hand darüber reden darf…“ (S. 132).

Den Äbten seiner Klöster empfehle er, den gegenteiligen Weg zu gehen. Sie sollen die kulturellen Spannungen in ihren Gemeinschaften offen zur Sprache bringen und den Schwierigkeiten auf den Grund gehen. Sie sollen nicht die Augen vor den Problemen verschließen und aus Sorge, den anderen zu diskriminieren, so tun, als wäre nichts. Diese Vorgehensweise könnte auch der Weg für eine friedliche, multikulturelle Gesellschaft in Europa sein (S. 124).

Immer wieder kommt Wolf in seinem Buch auf die staatliche Bevormundung zur sprechen. Zunehmend legten die Politiker den Maßstab unseres Glücks fest und übernähmen im Namen dieses Glücks die Vormundschaft für uns (S. 44). Er spricht von einer „sozialistischen Grundströmung“ in Deutschland, welche die Eigeninitiative lähme und Eigenverantwortung ersticke (S. 45f.). Schuld daran seien aber nicht allein die Politiker, sondern alle, weil wir bereit seien, uns im Namen von Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit bevormunden und entmündigen zu lassen“ (S. 50). Gegenüber einem Staat, der es für seine Pflicht hält, die Gesellschaft zu zähmen, die Kräfte des Einzelnen zu bändigen und jeden in die Schranken zu weisen, sollten wir misstrauisch sein, empfiehlt Wolf (S. 98). Um die Freiheit wieder zu erlangen und den gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen, macht er u.a. folgende Vorschläge (S. 184ff.): Wir sollten den Staat aus der Verantwortung für unser Lebensglück entlassen und in unsere eigenen Hände nehmen. Der Staat sollte nur da einspringen, wo wirklich Not am Mann ist. Zweitens sollten wir gegenüber zentralistischen Bestrebungen misstrauisch sein. Wir sollten subsidiär vorgehen: Heißt: Probleme sollten auf der Ebene gelöst werden, die dem Problem an nächsten ist. Letztendlich hält es der mittlerweile emeritierte Abtprimas der Benediktiner für unverzichtbar, dass wir unsere individuelle Freiheit zurückgewinnen und er begründet dies damit, dass wir in Zukunft uns selbst überlassen sein würden.

Das Buch mit dem Titel „Worauf warten wir? Ketzerische Gedanken zu Deutschland“ ist mittlerweile bei Rohwolt in der 18. Auflage (2018) erschienen.

— Andreas Steffel

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